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26.10.2021

Vom Aufspüren bis zum Abschuss: ein Jagdtag auf dem Vorderberg

Die Jäger füllen für den geschossenen Rehbock eine Meldekarte aus – die Kinder bestürmen sie derweil mit Fragen.
Die Jäger füllen für den geschossenen Rehbock eine Meldekarte aus – die Kinder bestürmen sie derweil mit Fragen. Bild: Franziska Kohler
Jagen erfordert Geduld und viel Wissen über den Wald, das Wild, Wildbretthygiene und die sichere Schussabgabe. Diese Zeitung begleitete eine Gruppe Ausserschwyzer Jäger und Jagdhündin Gina einen Tag lang im Wald hoch über dem Zürichsee.

Die Sonne ist gerade aufgegangen und es ist eisig kalt im Wald oberhalb des Bräggerhofs in Altendorf. Nun heisst es warten. Stille legt sich über das Unterholz. Pilzsammler und Wanderinnen liegen noch in ihren warmen Betten. Jäger Sandro Züger späht aufmerksam umher, die Flinte locker in der Hand. Geduld ist gefragt. An diesem sonnigen Samstag im Oktober steht die Jagd auf Rehe an. Während der Sommerzeit ist die Jagd von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends erlaubt.

Plötzlich erklingt in der Ferne ein hohes Bellen – Jagdhündin Gina, ein Mischling aus Tiroler Bracke und Schwyzer Laufhund, hat eine Fährte aufgenommen. Ob es sich dabei um Rehwild handelt, ist offen. «Es könnte sich auch um Hirsche handeln», so Züger. Die Hirschjagd ist bereits seit Ende September vorbei. Rehwild kann von 1. bis 31. Oktober bejagt werden.

Gina gehört Alois «Wisi» Züger. Er hat sich mit seinen beiden Söhnen Andrin und Leandro weiter unten im Wald positioniert. Weiter oben haben sich Urban Bühlmann, Christian Ziegler und Stefan Züger mit Sohn Robin jeweils einen geeigneten Ansitz gesucht. Die Jäger kommunizieren über Funk miteinander. Die Jäger befinden sich je rund 600 Meter voneinander entfernt und grenzen so ein relativ überschaubares Gebiet ein. 

Jäger Sandro Züger übt sich in Geduld. Bild: Franziska Kohler

Da an diesem Samstag mit Schrot geschossen wird, müsste es näher als 35 Meter herankommen. Damit ist es aber nicht getan. Denn Sicherheit geht in jedem Fall vor. «Vor jeder Schussabgabe sind wir verpflichtet, zu prüfen, ob sich das Gelände als Kugelfang eignet», erläutert Sandro Züger. Steine oder Bäume seien dafür ungeeignet. Zu gross sei die Gefahr möglicher Abpraller.

Steht ein Reh auf einem Hügel, wird auch nicht geschossen. «Wir müssen auch das Gelände hinter dem Schussfeld überblicken können», so Züger. Hinter einem Hügel verdeckt können sich Menschen oder andere Tiere befinden. Auch muss das erlegte Tier geborgen werden können – in unwegsamem Gelände keine Selbstverständlichkeit. Jagd bedeutet in erster Linie, stets Augen und Ohren offen zu halten – so viel wird an diesem Samstagmorgen klar. 

Ein Schuss kann vieles bedeuten

Plötzlich kracht in der Ferne ein Schuss. Kurz darauf noch einer. «Das kann theoretisch alles bedeuten», fügt Züger an. Entweder hat einer der Jäger ein Reh erlegt oder auch zwei. Oder er musste nachschiessen oder hat überhaupt nicht getroffen.

Bis es zum Schuss kommt, muss sich ein Jäger seiner Sache sicher sein. Jagdunfälle seien nicht zu tolerieren. Die Schusssicherheit müssen alle angehenden Jägerinnen und Jäger in der Schiessprüfung noch vor Beginn der Jagdausbildung unter Beweis stellen.

 

Eine entladene Flinte. Bild: Franziska Kohler

Manchmal schaffen es getroffene Tiere, noch mit letzter Kraft zu fliehen. Dann wird eine sogenannte Nachsuche nötig. Es gilt, die verwundeten Tiere möglichst schnell aufzuspüren – um unnötiges Tierleid zu verhindern. Im dichten Unterholz ein schwieriges Unterfangen. Darum kommen oftmals sogenannte Schweisshunde zum Einsatz. «Schweiss» bedeutet in der Jägersprache «Blut». Einige Jäger, die solche Hunde besitzen, stehen darum auch für Pikettdienste zur Verfügung.

Drei Rehmarken pro Jäger

Das Funkgerät knistert und knackt – die anderen Jäger werden sich weiter oben am Weg treffen. Ein wenig abseits des Weges gruppieren sich die anderen Jäger bereits um den geschossenen Rehbock. Wisi Züger war der Schütze. Die anderen gratulieren ihm mit «Waidmanns Heil».

Die nötige Rehmarke stellt ihm Urban Bühlmann zur Verfügung – ihm gehört darum auch das Fleisch. «Jeder Jäger hat drei Rehmarken zur Verfügung », erklärt Wisi Züger. «Wir dürfen heuer einen Bock, eine Geiss und ein Kitz schiessen.» Wisi hat seine Bockmarke bereits gebraucht. «Die Marken sind übertragbar, es muss aber vorher abgesprochen sein», fügt er an. Darum ist Urban Bühlmann eingesprungen.

Nun geht es ans Ausnehmen des Tieres – «Aufbrechen», wie es in der Jägersprache heisst. Dies ist nötig, damit das Fleisch nicht verdirbt. Einzig Leber, Nieren und manchmal auch das Herz wandern in den Rucksack. «Die anderen Eingeweide überlassen wir Raubtieren wie Füchsen oder Mardern.»

Die Jäger beraten sich mit Hilfe einer Karte über die geeignete Verteilung der Ansitze. Bild: Franziska Kohler

Vermehrt Quereinsteiger

Laut Irene Mächler, Präsidentin des Jägervereins March, wird die Jagdausbildung zunehmend beliebter. «Bei der letzten Ausschreibung 2019 wollten über 60 Personen den Jagdlehrgang besuchen», so Mächler auf Anfrage. «Es wurden aber nur 30 zugelassen. » Es falle zudem auf, dass sich immer mehr Frauen und auch Leute dafür interessieren, die keinen familiären Bezug zur Jagd haben. Quereinsteiger sozusagen.

Kontroverses Thema

«Die Jagd ist auch gesellschaftlich umstritten », räumt Sandro Züger ein. Allerdings gibt er zu bedenken, dass die Jäger auch eine ökologisch wichtige Rolle einnehmen. Raubtiere wie Wolf oder Luchs seien hierzulande zu selten, um den Bestand an Rehen, Hirschen und anderen Tieren dezimieren zu können.

Aufgrund seines grossen Bestandes würde das Wild mitunter Schäden in den Wäldern und auf Kulturflächen anrichten. «Es gilt ein Gleichgewicht herzustellen», so Züger. Die Kantone würden darum vor jeder Jagdsaison festlegen, wie viele Tiere jeder jagdbaren Art geschossen werden dürfen. Ist das jeweilige Kontingent ausgeschöpft, dürfen die Tiere nicht mehr weiter bejagt werden.

Die Eingeweide des Rehbocks zeigen: Das Tier war gesund. «Bereits vor dem Schuss prüfen wir, ob mit dem Tier alles in Ordnung ist», erklärt Stefan Züger. Offensichtlich kranke oder verletzte Tiere werden auch erlegt und der zuständigen Wildhut gemeldet. Später am Nachmittag werden die Jäger noch eine Rehgeiss und einen Kitzbock schiessen.

Franziska Kohler, Redaktorin March24 & Höfe24