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Wollerau
20.05.2022

Geschicktes Kalkül oder pures Pech?

Der Fall wurde Ende April im Berzirksgericht Höfe verhandelt.
Der Fall wurde Ende April im Berzirksgericht Höfe verhandelt. Bild: zvg
Eine Frau wird mehrerer Diebstähle bezichtigt – doch fehlen dazu die Beweise. Die Staatsanwältin stellt die Unschuld der Beschuldigten in Frage. Es sei nicht das erste Mal, dass in deren Anwesenheit Dinge «verschwunden» seien.

Zur falschen Zeit am falschen Ort sein – diese Redewendung existiert nicht umsonst. Immer wieder kommt es nämlich vor, dass Pechvögel sich genau mit diesem unglücklichen Zufall konfrontiert sehen. Und eben so ein – vermeintlicher? – Pechvogel sass kürzlich im Bezirksgericht Höfe, um seine Unschuld zu beteuern.

Auf dem Stuhl vor den Richterpulten Platz genommen hatte eine etwas über 50-jährige Märchlerin. Sie wurde des mehrfachen Diebstahls beschuldigt – und dies zu Unrecht, wie sie fand. Die Märchlerin, welche von der IV-Rente lebt, stellte ihres Erachtens ausserdem fest: «Erst seit ich vor ein paar Jahren einen Hirnschlag erlitten habe, werde ich mit solchen Anschuldigungen konfrontiert.»

Bei den gestohlenen Waren handelt es sich um zwei Armbanduhren der Marke IWC sowie der Trinkgeldkasse eines Märchler Blumengeschäfts. Ersteres Diebesgut wurde einem Seniorenpaar im Juli 2020 entwendet. Damals war die Angeklagte bei den betagten Herrschaften aus den Höfen als Betreuerin angestellt. Alle zwei bis drei Wochen unterstützte sie die beiden im Haushalt, erledigte Einkäufe und Putzarbeiten. Die Arbeiten teilte sich die Beschuldigte abwechslungsweise mit einer ihr unbekannten zweiten Betreuerin.

Zwei Uhren in einem Monat

Am 6. Juli 2020 bemerkte der Senior das Verschwinden der ersten IWC Uhr. Allerdings dachte er sich zunächst nichts dabei. Der über 80-Jährige vermutete, die Uhr, welche sich normalerweise auf dem Nachttisch befindet, verlegt zu haben. Genau drei Wochen später fehlte dann aber erneut eine Uhr – ebenfalls Marke IWC (Wert 10 000 Franken) und ebenfalls plötzlich nicht mehr auf dem Nachttisch auffindbar.

Zudem verschwand das Portemonnaie der Seniorin, in dem sich neben 60 Franken Bargeld auch Ausweise und Kundenkarten befanden. Nun wurde das Ehepaar stutzig, schaltete die Polizei ein – und bald schon fiel der Verdacht auf die Märchlerin.

«Ich weiss von nichts»

Vor Gericht wehrte sich die Frau jedoch gegen den Vorwurf. «Vom Diebstahl habe ich erst erfahren, als mein Vorgesetzter mich mit der Beschuldigungkonfrontiert hat», rechtfertigte sie sich. Und auch dieFragen des Richters – «Wissen Sie, ob noch andereDinge verschwunden sind, oder gehen Sie davon aus, dass die Senioren die gestohlene Ware nur verlegt haben?» – prallten an der Beschuldigten ab. Sie wisse von nichts.

Fast ein dreiviertel Jahr nach dem Verschwinden der Uhren kommt ein weiterer Gegenstand abhanden. Diesmal wird eine kleine elchförmige Trinkgeldkasse eines Märchler Blumengeschäfts vermisst. Handfeste Beweise, welche die Beschuldigte auf frischer Tat ertappen, gibt es wiederum keine.

Fragen für Ablenkung?

Gegenüber der Polizei sagte die Geschäftsführerin, dass sie sich zum vermeintlichen Zeitpunkt des Diebstahls in einem Hinterzimmer befunden habe. Insofern habe sie den Diebstahl nicht beobachtet, doch habe sie ein Geräusch vernommen, das sich so angehörte, «wie wenn man einen schweren Gegenstand von der Theke aufhebt».

Als auffällig empfand die Geschädigte auch die vielen Fragen, welche die Märchlerin ihr beim Kauf eines Artikels gestellt haben soll. Die Zeugin vermutete darin ein Ablenkungsmanöver.

Tasche beim Verlassen voller als beim Betreten?

Weiter gibt es Aufnahmen einer Überwachungskamera, welche den Ein- und Ausgang des Ladens aus Strassenperspektive wiedergeben. Interessant sind die Videosequenzen insofern, weil sie zeigen, wie die Beschuldigte mit einem dunklen Einkaufsbeutel über dem Arm den Laden betritt und ihn später, nun zusätzlich mit einem eingekauften Artikel im anderen Arm, wieder verlässt.

Da der Einkaufsbeutel jedoch blickdicht ist, lässt sich nicht nachweisen, ob die Märchlerin beim Verlassen des Ladens darin den gestohlenen Gegenstand mitführte oder nicht. Sie jedenfalls behauptete: «Da war beim Betreten und Verlassen des Ladens nur mein Portemonnaie drin.» Bevor die Beschuldigte ihren Platz vor den Richterpulten verlassen konnte, fragte einer der drei Richter nach der ungefähre Grösse des Geldbeutels; es wurden auf Antwort der Märchlerin hin die Masse von ca. 15 x 4 cm notiert.

«Kann so viel Zufall, Zufall sein?»

Das anschliessende Plädoyer eröffnete die Staatsanwältin mit der Frage: «Kann so viel Zufall, Zufall sein?» Sie machte dabei auf einen vergangenen, anderen Strafbefehl aufmerksam, bei dem die Märchlerin ebenfalls des Diebstahls beschuldigt worden war. Dieser habe sich in einem Blumenladen in Jona ereignet – auch da war eine Trinkgeldkasse verschwunden. Damit aber nicht genug: Auch soll die Märchlerin in der Vergangenheit ein weiteres Ehepaar beklaut und in einem Coiffeurgeschäft Geld aus der Kasse entwendet haben.

Bestraft wurde die vermeintliche Diebin jedoch nie – das Gericht entschied jedes Mal zugunsten der IV-Rentnerin. Diesmal sollte sie jedoch nicht unbestraft davonkommen, fand die Staatsanwältin. Ihre Forderung: eine Busse von 2620 Franken und eine bedingte Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu 70 Franken.

«Es gibt keine Beweise, nur Mutmassungen»

Einen vollumfänglichen Freispruch und zudem noch eine Entschädigung von 11 000 Franken forderte hingegen die Verteidigung und betonte: «Es gibt keine Beweise. Die Vorwürfe basieren rein auf Mutmassungen.» In seinem Plädoyer ging der Verteidiger so weit, dass er sogar die Existenz der Uhren in Frage stellte, denn: Für beide Uhren würden die passenden Belegscheine fehlen.

So sei für die verschwundene IWC Pilots Watch (Fliegeruhr) die Quittung einer IWC Taucheruhr vorgelegt worden. «Und für die zweite, nicht mehr auffindbare, Uhr fehlt sogar die Quittung», stützte der Anwalt seine These weiter. «Eingereicht wurde nur ein Reparaturbericht von 2019, auf dem wiederum ein anderes Modell als bei der Polizei angegeben vermerkt ist.» Die Existenz des gestohlenen Portemonnaies stellte der Verteidiger zwar nicht in Frage, sagte dazu jedoch: «Es hat keine Kreditkartenbewegungen oder Ähnliches gegeben.»

«In dubio pro reo»

Blieb noch die Frage um die verschwundene Trinkgeldkasse. Die Argumentation für den Freispruch lautete hier: «Das Verschwinden der Trinkgeldkasse hat die Inhaberin erst am 5. März bemerkt.»

Seine Mandantin sei jedoch am 3. März im Geschäft gewesen. «Ausserdem sagte die Inhaberin, dass pro Tag 17 bis 20 Kundinnen und Kunden ins Lokal kämen.» Insofern würden auch noch andere Personen für das Entwenden des Gegenstandes in Frage kommen. Es sei «in dubio pro reo», zu Deutsch «im Zweifel für die Angeklagte», zu entscheiden.

Und so kam es: «Für die beiden Tatbestände bestehen unüberwindliche Zweifel, weshalb das Gericht sich dazu entschieden hat, die Beschuldigte vollumfänglich freizusprechen», erklärte der Richter.

Erika Unternährer, Redaktion March24 & Höfe24