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Altendorf
04.01.2022
06.05.2022 15:38 Uhr

Unterwegs in Altendorf mit Zeitungsverträger Edy Zollinger

Der 66-Jährige verteilt seit 3 Jahren für die Route in Altendorf Zeitungen.
Der 66-Jährige verteilt seit 3 Jahren für die Route in Altendorf Zeitungen. Bild: Anouk Arbenz
Wenn wir alle schlafen, ist Edy Zollinger in Altendorf unterwegs, um uns unsere Zeitungen zu bringen. Der 66-Jährige wirft dann gerne auch mal ein eigenes Gedicht ein.

Edy Zollinger ist parat. Er trägt die Zeitungen in seinen Renault, der vor dem Coop Pronto Shop in Altendorf steht. Eigentlich fährt er lieber Töff, aber in dieses Auto hat er sich verliebt. Mittlerweile hat es schon Zehntausende Kilometer drauf. Jeden Tag – ausser Sonntag - steht der 66-Jährige auf und arbeitet, wenn noch alle anderen schlafen. Es ist wie eine andere Welt in der Nacht. Friedlich, ruhig, aber auch kalt und dunkel.

Es ist kurz vor drei Uhr. Zollinger sortiert die rund 100 Zeitungen, darunter auch der «March-Anzeiger», der «Tages-Anzeiger», der «Blick» und die «Neue Zürcher Zeitung». Ab und zu sei auch mal eine «Annabelle», eine «GlücksPost» oder eine Ausländische wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung » dabei.

  • Edy Zollinger verteilt Zeitungen im Bubental in Altendorf. Bild: Anouk Arbenz
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  • Zollingers Renault begleitet ihn auf seinen Touren. Bild: Anouk Arbenz
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Der Einzelgänger

Erster Halt seiner Tour ist die Nummer 5 an der Oberdorfstrasse, wo sich vor allem Seniorenwohnungen befinden. Er schaltet den Motor aus. Leise macht er seine Autotüre auf und zu. «Ich lasse einen Spalt des Fensters offen, damit es nicht knallt, wenn ich die Türe schliesse», erklärt er. Dafür ist es sehr kalt in seinem Auto. Das nimmt Zollinger in Kauf. Die Altendörflerinnen und Altendörfler danken es ihm. Gleich mehrere Zeitungen verteilt er an diesem Sammelbriefkasten. Dabei erzählt er mir von den «Zeitungskleptomanen», die gerne Zeitungen aus Sammelbriefkästen klauen. «Zum Glück hat dies Ende 2020 aufgehört.» Denn natürlich wurde bei seiner Arbeitgeberin reklamiert, da die Zeitungen fehlten. Dabei hat Edy Zollinger erst ein einziges Mal in drei Jahren, seitdem er hier als Zeitungszusteller arbeitet, einen Fehler gemacht. «Ich hatte eine Zeitung zu wenig», erinnert sich der 66-Jährige. Da habe er sich schon einen Kopf gemacht. Doch es gab ein Happy End: Ein Taxi-Chauffeur, der beim Coop Pronto stand, half Zollinger aus und schenkte ihm kurzerhand seine eigene Zeitung.

Edy Zollinger verteilt die Zeitungen an die Briefkästen in Altendorf. Bild: Anouk Arbenz

Edy Zollinger musste rund 200 Bewerbungen schreiben, nachdem er seine Stelle als Stapelfahrer verloren hatte. Ursprünglich hatte er die Ausbildung zum Heizungsmonteur gemacht. Dann erhielt er eine Zusage der Presto Presse Vertriebs-AG in Wetzikon. «Ich habe immer schon gerne alleine gearbeitet », sagt der Altendörfler. «Mein früherer Chef sagte mir, ich sei ein Einzelgänger, weil von mir ausser ‹guete Morge›, ‹en Guete› und ‹schöne Abig› nichts zu hören war. Ich bin gerne auf mich alleine gestellt.» Schon sein Vater war während 40 Jahren Pöstler gewesen. Er selber habe schon als Kind den «Zürcher Oberländer» verteilt. «Ich bin in Wetzikon aufgewachsen.»

Der neue Beruf passte also sehr gut. Ausserdem sagt es ihm zu, draussen zu arbeiten – wo ihm auch mal Igel, Fuchs, Reh, Katzen und im Frühjahr auch Frösche begegnen. Wenn er mit dem Auto nicht an einen Briefkasten hinkommt, nimmt er Wanderstöcke und Rucksack und macht sich zu Fuss auf dem Weg. Teilweise durch metertiefen Schnee. «Es ist ein Knochenjob.» Insgesamt sind sieben Personen für die Frühzustellung in Altendorf zuständig. Als Edy Zollinger seinen Job als Zeitungszusteller begann, war er für die Tour in Galgenen zuständig. Dann durfte er wechseln. Er erinnert sich noch ganz genau: «Am 3. Januar 2019 begann ich, in Altendorf zu arbeiten. » Jetzt, drei Jahre später, kennt er seine Tour in- und auswendig. «Leider sind nur wenige Neu-Abonnenten dazugekommen. Es nimmt eher noch ab», beobachtet Zollinger. Er glaubt deshalb, dass es in zehn Jahren vorbei ist mit den Zeitungen. Hoffen wir, dass er unrecht hat!

Im Katrinenhof verletzt sich Edy Zollinger einmal nach einem Rutschunfall an den Knien. Bild: Anouk Arbenz

Wir sind beim Katrinenhof angekommen. Hier geschah der Unfall. Während eines eisigen Winters war Edy Zollinger ausgerutscht und auf die Knie gefallen. «Meine Kniescheiben waren kaputt.» Der 66-Jährige ist deshalb froh, wenn der Weg zum Zustellort geräumt ist. «Einmal musste ich mein Auto mit dem Eiskratzer freilegen, einmal nahm ich mir die Freiheit, die Schneeschaufel zu nehmen, die vor dem Haus stand.» Manchmal muss er das Auto weiter weg abstellen und einen grossen Teil zu Fuss zurücklegen. Dies alles, während die Uhr tickt, denn bis 6.30 Uhr müssen alle Zeitungen zugestellt sein. «Ich habe eine grosse Verantwortung.» Am Mittwoch, wenn aufgrund der Grossauflage alle Haushalte in Altendorf einen «Marchi» erhalten, beginnt seine erste Tour sogar um halb eins in der Nacht, die zweite um drei Uhr.

Manchmal ist auch ein Gedicht von Edy im Briefkasten, das freut viele. Bild: Anouk Arbenz

Der Dichter

Jedes Jahr vor Weihnachten – seinem Geburtstag – steckt Edy Zollinger seinen Kunden neben der Zeitung auch einen Zettel mit ein paar Versen in den Briefkasten. Seit er 15 Jahre alt ist, schreibt Zollinger Gedichte. Sätze zu seiner Arbeit, zu seinem Privatleben, Hobbies, aber auch zur Jahreszeit oder sogar zu politischen Themen folgen aufeinander. Auch von seinen beiden Graupapageien, der 20-jährige Ariel und der 14-jährige Loris, die immer wieder für Unterhaltung sorgen, erzählt er.

Auch Neujahrsverse schickt Zollinger hin und wieder, wie diese im letzten Jahr: «Liebe Leser/ in, im 2021 möchte ich Euch gerne begrüssen! Mit aktuellem Frühzusteller das Leben versüssen. Hoffe, wir alle hatten einen guten Rutsch? Nicht auf dem ‹Heuboden›, da geht manchmal was futsch! Der Vorschlag ganz einfach wie spontan. Packen wir gemeinsam das 2021 miteinander an!». Wer Freude an den Gedichten hat oder ihm für seine gute Arbeit danken möchte, legt ein paar Geldscheine in den Briefkasten. Dafür gibt es vom Zeitungszusteller einen handgeschriebenen Dankesbrief.

Der Verantwortungsbewusste

Im Bubental legt Edy Zollinger eine Trinkpause ein. Es geht weiter der Oberdorfstrasse entlang und dann zum Bubenrain. Im Radio läuft «YMCA». Den Blinker setzt der 66-Jährige nicht. Das wäre eine Verschwendung der Glühbirnen, denn Autos sind zu dieser Zeit eh keine unterwegs. Dann erzählt er vor seinem Gehörsturz, den er vor sechs Jahren hatte. Und von der Hirnblutung seiner Frau (es geht ihr wieder besser). Ende 2021 war dies geschehen. Drei Tage war sie im Spital. Edy Zollinger hatte während 70 Stunden nicht geschlafen.

Edy Zollinger zählt genau wie viele Zeitungen er erhalten und vertragen hat. Bild: Anouk Arbenz

Weiter erzählt er von einer Reklamation, die er von jemandem im Bubenrain erhalten hat. Dabei war es nicht seine Schuld. «Der Leser hat seine Ferien verschoben, aber vergessen, den Abodienst wegen der Umleitung zu kontaktieren. Dessen Frau hat dann jeden Morgen den ‹Tages-Anzeiger› aus dem Briefkasten des Nachbarn gestohlen, weil sie dachte, dass es sich um einen Fehler handelt. Nachdem ich diesem mehrmals versicherte, dass ich ihm die Zeitung auch wirklich reingelegt habe, hat er eine Kamera eingerichtet – und die Nachbarin prompt auf frischer Tat erwischt.»

Weiter gehts zu den «Knobels» an der Bilstenstrasse. «Hier kann man sich die Namen merken», witzelt er. Letzte Station ist die Acherwies. Plötzlich merkt der 66-Jährige, dass ein «Tages-Anzeiger» vorig ist. Erst traut er sich selber nicht, flucht. Im Kopf geht er alle Halte durch. «Nein, das kann nicht sein.» Dann nimmt er sein Büchlein hervor und zählt erneut. Bald wird klar: Ihm wurden zu viele Zeitungen mitgegeben. Erleichterung. Ich frage ihn, ob er nicht aufhören möchte, da er das Rentenalter erreicht hat. Nein, wenn möglich, wolle er auch noch im Jahr 2023 die Tour machen. «Aber ich weiss, dass es irgendwann nicht mehr geht.»

Anouk Arbenz, Redaktion March24 & Höfe24