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27.11.2021

Die bedrohte Feldlerche wird Vogel des Jahres 2022

Die Feldlerche ist durch die fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft stark bedroht.
Die Feldlerche ist durch die fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft stark bedroht. Bild: BirdLife Schweiz
Die Feldlerche lebt als Bewohnerin offener Agrarlandschaften seit Jahrhunderten eng mit dem Menschen zusammen. Seit einigen Jahrzehnten ist sie jedoch durch die fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft stark bedroht. Nun hat BirdLife Schweiz die Feldlerche zum Vogel des Jahres 2022 gewählt.

Der Vogel des Jahres 2022 mag klein und unscheinbar sein, doch er ist einer der besten und ausdauerndsten Sänger unserer Vogelwelt. Minutenlang flattert die Feldlerche im Frühling über den Feldern und Wiesen und beglückt uns mit ihrem fast pausenlosen Gesang. Mit den jubilierenden Strophen versuchen die Männchen ein Weibchen zu gewinnen. Schon Shakespeare wusste von den Gesangskünsten der Feldlerche und hat ihr in seinen Stücken ein Denkmal gesetzt: «Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang» heisst es in dem berühmten Werk von Romeo und Julia.

Schneller Brüter

Die Feldlerche brütet am Boden in Wiesen und Äckern. Bereits im April legen die ersten Weibchen 4 bis 5 Eier, die im Schnitt 12 Tage ausgebrütet werden. Die Jungen verlassen danach das Nest nach 7 bis 12 Tagen. Das ist Rekord und die kürzeste Nestlingszeit unter den hiesigen Singvögeln. Doch selbst diese Anpassung ans Kulturland reiche heute nicht mehr aus, um erfolgreich brüten zu können, schreibt BirdLife Schweiz in seiner Mitteilung.

Weder finde die Feldlerche einen sicheren Brutplatz noch ausreichend Insekten und Spinnentiere als Nahrung. Wiesen würden heute zu stark gedüngt und bis zu 7-mal pro Jahr gemäht, sodass nur noch wenige Blütenpflanzen und Insekten überleben können. Sie wachsen ausserdem so einheitlich dicht auf, dass zwischen den Pflanzenhalmen kein Platz für die Feldlerche bleibt, schreibt der Verband. Infolgedessen sei die Feldlerche aus den Wiesen des Mittellands so gut wie verschwunden. Aber auch in den Alpen sei sie zunehmend bedroht. Lediglich in Gebieten mit einem hohen Anteil an ungedüngten, spät geschnittenen Wiesen in Form von Biodiversitätsförderflächen BFF oder Schutzgebieten komme sie noch in Restbeständen vor.

Dramatische Lage

In den Äckern habe sich die Lage für den Meistersänger in den letzten Jahrzehnten ebenfalls dramatisch verschlechtert. Auch hier ist Nahrung rar; Pestizide machen den Insekten den Garaus, Ackerrandstreifen als Rückzugsräume und Ackerbegleitflora als Nahrungsquelle für Insekten sucht man vielerorts vergebens, so BirdLife Schweiz. Resultat: Auch in den letzten Bastionen nimmt die Art ab – allein in den letzten 30 Jahren ist der Bestand in der Schweiz um fast die Hälfte geschrumpft.

Im Mittelland sei der Rückgang an vielen Orten noch katastrophaler: im Kanton Zürich betrug er beispielsweise über 90% (1977: 2900 Reviere; 2017: 235 Reviere. Quelle: Avimonitoring Kanton Zürich). Ohne Schutzprojekte von BirdLife und Partnern wäre der Einbruch wohl noch grösser ausgefallen. Aufgrund dieser dramatischen Entwicklungen steht der einstige Allerweltsvogel nun erstmals auf der bald erscheinenden Roten Liste der Brutvögel der Schweiz (Kategorie "verletzlich").

Falsche Anreize in der Agrarpolitik

Zwar gebe es einzelne Projekte in der Schweiz von BirdLife Schweiz und Partnern, in denen durch grosse Anstrengungen kleinflächige Erfolge beim Schutz der Feldlerche erreicht werden, so der Verband. Auf grosser Fläche würden diese Massnahmen jedoch nicht ausreichen, um die dramatischen Einbrüche der Bestände zu stoppen und den negativen Trend umzukehren.

Die Agrarpolitik müsse sich insgesamt ändern, damit diejenigen Landwirte besser unterstützt werden, die mit statt gegen die Natur wirtschaften. «Nur durch die richtigen Anreize einer ökologisch ausgerichteten Agrarpolitik lassen sich die Feldlerche und viele weitere einstmals häufige Arten unserer Kulturlandschaft langfristig erhalten», sagt Raffael Ayé, Geschäftsführer von BirdLife Schweiz. Wenn die Böden weiterhin überdüngt und ihnen zu wenig Möglichkeit der Regeneration gegeben werden, werde nicht nur die Feldlerche nicht überleben, sondern auch die Lebensmittelproduktion irgendwann einbrechen, so BirdLife Schweiz weiter.

«Für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion braucht es ein gesundes Ökosystem mit Brachen, auf denen sich die Böden und die Biodiversität erholen können, und mit Wiesen, die nicht mit unzähligen Tonnen an Futtermitteln aus dem Ausland in Form von Gülle überdüngt werden», so Raffael Ayé. Nur so gelinge eine nachhaltige Landwirtschaft, und nur so könne langfristig das Überleben der Meistersängerin Feldlerche sichergestellt werden.

Film über die Feldlerche

Ein neuer Kurzfilm von BirdLife Schweiz porträtiert den Vogel des Jahres 2022 und zeigt auf, was sich in der Agrarlandschaft ändern muss. Er ist unter www.birdlife.ch/feldlerche zu finden. Unter derselben Adresse gibt es auch ein Porträt zu lesen, und es kann ein attraktives Poster im Format A3 bestellt werden.

Zürioberland24