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Lachen
21.11.2021

Der Pflegeleiter der Intensivstation Lachen über die Pflegesituation in der Pandemie

Ingo Banz leitet das Pflegepersonal auf der Intensivstation des Spitals Lachen
Ingo Banz leitet das Pflegepersonal auf der Intensivstation des Spitals Lachen Bild: Erika Unternährer
Man hört, sieht und liest viel, wenn es um die Auslastung der Intensivstationen durch Covid-Patienten geht. Medien berichten über die Situation in den grossen Häusern – wie aber sieht es in kleineren Spitälern wie demjenigen in Ausserschwyz aus? Auskunft dazu gibt Ingo Banz. Er ist Experte Intensivpflege und leitet die Pflegeabteilung auf der Intensivstation des Spitals Lachen.

Banz betont, dass für die Auslastung der Intensivstation nicht nur die belegten Betten massgebend sind. Sehr ins Gewicht fiele vor allem der Zustand, in dem sich die Patientinnen und Patienten befänden – und da zähle das psychische ebenso wie das physische Befinden dazu. Die Intensivstation des Spitals Lachen verfügt über sechs Betten, zwei davon befinden sich verteilt auf zwei separate Isolationszimmer – für Covid-Patientinnen und -Patienten. «Derzeit haben wir keine Covid-Patienten in Intensivpflege », so der Experte im Gespräch vergangene Woche. Doch das könne sich schlagartig ändern. In den letzten Wochen seien die Isolationszimmer immer wieder belegt gewesen.

Schock am grössten, wenn einem die Realität einholt

«Covid-Patienten brauchen generell eine intensivere Betreuung, ob auf der normalen oder auf der Intensivstation », sagt Banz. Der Schock, schwer am Virus erkrankt zu sein, sei besonders bei denjenigen Menschen gross, welche die Impfung verwehrt oder nicht mit derart schlimmen Auswirkungen der Krankheit gerechnet hätten, so seine Erfahrung. «Ich hätte nie gedacht, dass es mir wegen Corona so schlecht gehen würde», ist einer der Sätze, welche die diplomierten Pflegekräfte immer wieder hörten.

Insgesamt drei Beatmungsgeräte vorhanden

Die Intensivstation des Spitals verfügt über zwei Beatmungsgeräte, die derzeit für Nicht-Covid-Patienten benötigt werden. Ein weiteres derartiges Gerät steht zur Notfall-Überbrückung bereit – es ist gedacht für Menschen, die es nach einer Operation benötigen. Verteilt über die drei Schichten – Früh-, Spät- und Nachtdienst – kümmern sich pro Schicht drei diplomierte Fachkräfte zusammen mit Pflegeassistenten und FaGe-Personal um maximal sechs Schwerkranke. Wobei Banz anmerkt: «Massgebend für die Auslastung ist vor allem der Zustand der Patienten.» Schwerkranke Covid-Patienten werden intubiert. Das heisst, sie müssen mit einem eingeführten Schlauch beatmet werden. Menschen, bei denen diese Massnahme ergriffen wird, bräuchten die volle Aufmerksamkeit einer diplomierten Pflegekraft. Für das Spital Lachen bedeutet dies, dass eine Fachkraft für die 1:1-Betreuung des intubierten Patienten wegfällt und für die restlichen Patientinnen und Patienten noch zwei diplomierte Fachkräfte übrig bleiben. 

Es fehlt an Infrastruktur und diplomierten Pflegekräften

Was viele Schwyzerinnen und Schwyzer kritisch hinterfragen, ist das: Warum wurden die Intensiv-Plätze, welche während der ersten Welle geschafft wurden, wieder abgebaut? Banz erklärt hierzu, dass das Gesundheitspersonal während der ersten Welle so viel Ressourcen wie nur möglich geschafft hätte, um sich auf das Schlimmste vorzubereiten, nämlich: «Auf den Fall, dass man Triagieren muss.» So weit sei es in der Schweiz jedoch nicht gekommen. Was das Spital Lachen betrifft, so hätte das Gesundheitspersonal immer wieder überlegt, wie die Bettenkapazität auf der Intensivstation erhöht werden könne. Doch: «Man kann es drehen und wenden, wie man will, letztendlich fehlt uns hierzu die nötige Infrastruktur – und zusätzliches Personal. » Mit Letzterem meint er diplomiertes Intensiv-Pflegepersonal, welches schon vor der Pandemie, insbesondere aber im Verlauf der Pandemie rarer und rarer geworden ist.

Auch Temporär-Personal ist rar

Reicht das denn aus? «Es muss und bisher hat es knapp ausgereicht. Der Wunsch nach zusätzlichen diplomierten Fachkräften kann man aber nicht leugnen.» Vor der Pandemie hätten Spitäler auch kurzfristig auf diplomiertes Temporär- Personal zurückgreifen können. Seit einigen Monaten ist dies aber fast ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Die Belastung auf der Intensivstation ist für die Angestellten seit der ersten Welle kontinuierlich auf einem hohen Level. Der Pflegefachmann, welcher zu Beginn der Pandemie als Temporärkraft auch auf verschiedenen Covid- Stationen grosser Spitäler gearbeitet hat, erklärt: «Kaum war eine Covid-Welle zu Ende, haben sich die Intensivstationen mit Menschen gefüllt, deren Operationen aufgeschoben werden mussten.» Während die Schweizer Gesellschaft bei tiefen Zahlen also durchatmen konnte, blieb die Belastung im Spital nonstop hoch.

Orientierungslosigkeit war grosse Belastung

Banz erinnert sich an den Beginn der Pandemie, als die ganze Welt vor einer grossen Ungewissheit stand. «Wir waren uns gewohnt, vom Ärztepersonal klare Therapieanweisungen zu erhalten – bis Covid kam.» Diese Orientierungslosigkeit auf allen Seiten sei nicht nur physisch, sondern auch emotional eine grosse Belastung gewesen. «Bis heute haben wir in Bezug auf die Behandlung viele offene Fragen», so Banz. Doch etwas hätte sich im Vergleich zum Vorjahr geändert: «Mit der Impfung hat man ein Mittel, das den Menschen Schutz vor schweren Verläufen und Langzeitfolgen – und – dem Tod gewähren kann.» «

«‹Jung› ist messbar, ‹gesund› aber nicht»

Und doch kommt es zu Impfdurchbrüchen mit fatalen Folgen – oder? Ja, diese gäbe es, sagt Banz. Und auch er sei da erschrocken. Man müsse die Infor-mationen zu den Impfdurchbrüchen aber in den richtigen Kontext setzen. Er könne nur von seinen Beobachtungen ausgehen und diese sind: «Es sind Menschen mit schweren Vorerkrankungen, welche Impfdurchbrüche mit schweren Verläufen erlitten haben.» In der Regel wären aber die Covid-Patienten, welche auf der Intensivstation landen, ungeimpft – und nicht immer alt oder mit Vorerkrankungen. Bevor es die Impfung gegeben hätte, habe er auch Menschen unter vierzig Jahren mit schweren Verläufen oder sogar tödlichem Ausgang betreut. Traurig stimmt den Experten Intensivpflege auch das: «Leider gibt es auch junge Menschen, welche die Krankheit zwar überlebt haben, nun aber unter den Langzeitfolgen leiden und ein eingeschränktes Leben führen müssen.» Also ist ein junger, gesunder Körper mit einer starken Immunabwehr keine Garantie für einen milden Verlauf? Darauf meint Banz: «‹Jung› ist messbar, ‹gesund› aber nicht.» Der Pflegefachmann weist darauf hin, dass in vermeintlich gesunden Organismen Krankheiten wie Bluthochdruck oder ein versteckter Diabetes lauern können. Und: Mittlerweile wisse man, dass die Genetik bei Corona-Verläufen eine grosse Rolle spiele – und wie man genetisch veranlagt ist, wisse fast niemand.

Medien haben informiert, aber auch verunsichert

Was Banz aber immer wieder betont: «Wenn es um die Impfung geht, möchte ich hier niemanden bevormunden. » Er verstehe die Ängste der Menschen und sagt: «Als die Impfung startete, hätte ich mir mehr Informations- Angebote gewünscht.» Also das, was vor ein paar Tagen in der Impfwoche geboten wurde. Seitens der Medien sei nämlich informiert, aber auch verunsichert worden. Banz selber habe sich im Vorfeld über das neue Vakzin informiert und sich für die Impfung entschieden, denn: «Ich habe gesehen, was dieses Virus mit den Menschen macht. Und ich möchte nicht krank werden oder gar so früh daran sterben.» Die Schweiz habe von Beginn an auf Eigenverantwortung gesetzt und genauso gelte das auch für den Entscheid für oder gegen das Vakzin. Was Banz den Menschen jedoch ans Herz legen will, ist dies: «Setzen Sie sich mit der Impfung auseinander – und entscheiden Sie sich bestenfalls dafür.» Die Impfung sei der schnellste Weg, um wieder zum normalen gesellschaftlichen Leben zurückzufinden, denn «danach sehnen wir uns alle.» «Die Belastung auf der Intensivstation ist für die Angestellten seit der ersten Welle kontinuierlich auf einem hohen Level.»

Erika Unternährer, Redaktion March 24 und Höfe 24