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Lifestyle
26.10.2021
27.10.2021 17:44 Uhr

«Folgt nur den Menschen, welche euch guttun»

«Social Media ist da, und wir müssen lernen, damit umzugehen.»
«Social Media ist da, und wir müssen lernen, damit umzugehen.» Bild: Olivia Tania
Antonella Patitucci hat sich als Influencerin einen Namen gemacht. Heute hat sie dem Influencen den Rücken zugewandt und bietet als selbstständige Motivations-Trainerin Coachings und Seminare an. In einem Interview spricht die 28-Jährige über die Chancen von Social Media, wie sich ihr Content verändert hat und wie man lernt, negative Kommentare wegzustecken.

Instagram ist in letzter Zeit schwer in Verruf geraten. Die Social Media Plattform Instagram schadet Kindern und Jugendlichen – das haben Facebook-interne Untersuchungen ergeben. Diese schockierenden Erkenntnisse enthüllte die Facebook Ex-Mitarbeiterin Frances Haugen und ging damit an die Medien (wir berichteten).

Instagram vor allem bei der jüngeren Generation nicht wegzudenken

Klar ist jedoch: Selbst, wenn Instagram der jungen Generation schadet, ist die Social Media Plattform nicht mehr wegzudenken. Und: Was Produktwerbung und Selbstvermarktung betrifft, birgt sie grosses Potenzial. Was Bloggerinnen und Blogger vor ein paar Jahren auf Blogspot, Wordpress oder Squarespace machten, tun Influencerinnen und Influencer nun auf Instagram oder Tiktok. Was sich geändert hat: Mehr Bild, weniger Text. Höhere Post-Frequenz, mehr Bewegtbild, mehr Nähe zu den Protagonisten und mehr Vorurteile ihnen gegenüber.

Doch was bedeutet es eigentlich, mit Social Media sein Geld zu verdienen? Und ist man ab einer Follower-Zahl im fünfstelligen Bereich automatisch Influencer? March24/Höfe24 wollte mehr darüber herausfinden und hat mit Antonella Patitucci geredet, einer ehemaligen Influencerin aus der Region, welche Content für über 55'000 Abonnentinnen und Abonnenten kreiert.

March24/Höfe24: Antonella, du sagst, dass du mit «Inspire yourself» vom Influencen weggekommen bist. Wie kam es dazu?

Antonella Patitucci: Die Umorientierung von der Influencerin zum Motivations-Coach und meinem Brand «Inspire yourself» ist auf einen persönlichen Prozess zurückzuführen. Mir wurde bewusst, dass ich mit meiner Reichweite etwas Gutes bewirken will.

March24/Höfe24: ... heisst das, dass du als Influencerin nichts Gutes bewirken kannst?

Antonella Patitucci: Ich möchte das Influencer-Marketing nicht kritisieren, denn ich finde es nach wie vor eine gute Werbestrategie und habe selber lange davon gelebt. Ich habe mich mit «Inspire yourself» aber dazu entschlossen, den Content-Fokus verstärkt auf den Mensch- anstatt Produkt-bezogenen Mehrwert zu legen. Und für die Vermarktung meines eigenen Brands nutze ich natürlich auch meine Reichweite auf Social Media.

March24/Höfe24: Lass uns aber doch noch kurz über deinen Beginn auf Instagram sprechen. Wie haben sich deine Posts verändert?

Antonella Patitucci: Anfangs habe ich auch Model-Fotos gepostet, welche körperbetont und auch freizügiger waren. Damals war ich jünger und mir war nicht gänzlich bewusst, was mit den Bildern passiert, wenn sie mal im Internet sind. Derartige Bilder lade ich nicht mehr auf Instagram. Insbesondere, weil ich realisiert habe, was es in jungen Menschen auslösen kann. Wenn ich heute einen Post erstelle, mache ich mir vor allem Gedanken darüber, was mein Foto ausstrahlt und welche Message ich mit diesem Bild sende. Der Post ist für mich aber erst mit der Caption vollständig, also dem Text unter dem Bild. Dieser ist, so merke ich mehr und mehr, meinen Followern wichtig.

March24/Höfe24: Worüber sollten sich junge Menschen bezüglich «Schönheit, Glanz und Glamour» auf Social Media im Klaren sein?

Antonella Patitucci: Was «schön» ist und was nicht, ist totale Geschmackssache. Was auf Instagram als «schön» gilt, muss nicht heissen, dass das für die Allgemeinheit gelten soll. Schönheit soll individuell sein.

March24/Höfe24: Wer viele Follower, Likes und positive Kommentare erhält, fühlt sich bestätigt. Inwiefern stehst du zur Aussage: «Komplimente auf Social Media stärken das Selbstbewusstsein»?

Antonella Patitucci: Da kann ich nur von mir sprechen. Und ich muss sagen, dass Komplimente über Instagram mein Selbstbewusstsein nicht gross beeinflussen. Ich schätze ein Kompliment viel mehr, wenn man es mir live sagt. Im Allgemeinen bin ich aber davon überzeugt, dass Kommentare auf Social Media sehr mächtig sind – sowohl die positiven, als auch die negativen. Mit Worten in Form eines Kommentars oder per direct Message kann man beim Adressaten sehr viel auslösen. Insbesondere, wenn es sich um einen unreflektierten, negativen Inhalt handelt.

«Auf Instagram seht ihr vielleicht 50 Sekunden meines Tages, also einen Bruchteil meines Lebens und mir geht es auch nicht immer gut. » Bild: Olivia Tania

March24/Höfe24: Wie gehst du mit negativen Kommentaren um?

Antonella Patitucci: Es kommt natürlich auf die Art von Kommentar an. Handelt es sich um konstruktive Kritik, bin ich natürlich auch froh darüber. Bekomme ich aber beleidigende, bösartige Kommentare, grenze ich mich davon ab. Dafür muss man sich bewusst sein: Diese Worte stammen von einer anonymen Person. Das sollte man sich nicht zu Herzen nehmen und seine Energie nicht damit verschwenden, sich auf eine Diskussion einzulassen. Ich versuche auch dann immer mit Liebe zu reagieren, und sage: «Danke, dir auch einen schönen Tag.»

March24/Höfe24: Menschen vergleichen sich mit anderen Menschen – durch Social Media finden die optischen Vergleiche noch mehr statt denn je. Was hat dich deine Erfahrung auf Instagram in Bezug auf die kritische Wahrnehmung deines Selbstbildes gelehrt?

Antonella Patitucci: In den letzten Jahren, aber auch noch heute, wird mir immer wieder bewusst: Die Welt auf Social Media entspricht nicht der Realität. Man kann alles inszenieren. Vor allem Influencerinnen und Influencer posten nur dann Content, wenn es ihnen gut geht. Und wenn es nicht rund läuft, tut man halt so, als wäre alles bestens. Die Follower denken: Influencer haben die perfekte Beziehung, sie haben viel Geld, sind schön, sie sind schlank und sie lachen immer. Selber bekomme ich auch Nachrichten, in denen ich gefragt werde, wie ich immer so glücklich sein kann. Aber da muss ich sagen: Auf Instagram seht ihr vielleicht 50 Sekunden meines Tages, also einen Bruchteil meines Lebens und mir geht es auch nicht immer gut. Das Allerwichtigste ist darum, sich NICHT mit anderen zu vergleichen. Das ist extrem toxisch, das habe ich auch gemacht.

March24/Höfe24: Wie hast du gelernt, dich davon abzugrenzen? 

Antonella Patitucci: Ich habe gelernt, den Fokus auf mich selbst zu legen und meinen digitalen Konsum in Grenzen zu halten. So habe ich mir zum Beispiel auch eine ganz klare Zeit-Limite auf Instagram gesetzt.

 March24/Höfe24: Deine abschliessende Message?

Antonella Patitucci: Folgt nur den Menschen, welche euch guttun und euch ein positives Gefühl geben. Übernehmt Selbstverantwortung und verfolgt realistische, gesunde Ziele. Social Media ist da, und wir müssen lernen, damit umzugehen.

Erika Unternährer, Redaktion March24 & Höfe24