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St. Gallen bringt Euphorie, Lugano Können

Die Mannschaft lässt Cheftrainer Mattia Croci-Torti, dem Baumeister des neuen FC Lugano, die Hände am Pokal
Die Mannschaft lässt Cheftrainer Mattia Croci-Torti, dem Baumeister des neuen FC Lugano, die Hände am Pokal Bild: KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER
Schweizer Cupfinal – Lugano gewinnt mit einem überzeugenden Auftritt im Cupfinal gegen St. Gallen (4:1) seinen ersten Titel seit 29 Jahren. Ist es der Beginn einer neuen fussballerischen Blütezeit im Tessin?

Einiges spricht dafür, aber das Publikum muss zuerst noch Ausdauer beweisen.

Die Rede war im Vorfeld des 97. Cupfinals vor allem von der St. Galler Euphorie: den im Nu absetzten Kontingent von 12'000 Eintrittskarten, den sechs Fan-Zügen, die zwischen St. Gallen und Bern verkehrten, der grün-weissen Welle, die in der Hauptstadt Einzug hält und das Gros der 28'500 Zuschauer stellte.

Das alles half dem FCSG nichts. Im Gegenteil: Die Ostschweizer, die das Feld in der Super League nach schwachem Herbst von hinten aufrollten, wirkten in der Crunch Time gelähmt, und das zum wiederholten Mal unter Trainer Peter Zeidler, dem ansonsten wenig bis nichts Negatives angekreidet werden kann in dessen bisheriger Amtszeit. "Das ist eine riesige Enttäuschung nicht nur für die Fans. Wir müssen analysieren, warum wir im entscheidenden Moment nicht die beste Leistung abriefen. Es fehlten die Lockerheit und jene Risikobereitschaft, die wir uns vorgenommen hatten", kommentierte Zeidler.

Solch entscheidende Momente gab es unter Zeidler schon einige: 2019/20 verpasste die Mannschaft den sensationellen Meistertitel im Finish (nach dem Corona-Unterbruch), 2021 unterlag sie im Cupfinal dem FC Luzern (1:3). In dieser Saison geriet sie in der Liga aus dem Tritt, als die Europacup-Plätze wieder greifbar waren, und erreichte sie im Cupfinal wiederum nicht ihr maximales Niveau.

Nichts war es also mit dem zweiten Cupsieg des FC St. Gallen. Aber dies lag nicht nur am eigenen Unvermögen. Sondern auch daran, dass es die St. Galler nach lauter Unterklassigen mit einem Gegner zu tun bekamen, der an diesem frühsommerlichen Sonntagnachmittag so entfesselt wie gross aufspielte - einem Gegner, der von der ersten Minute an wacher, präsenter und spritziger zu Werke ging und seinen Finalgegner mit seinem schnellen Umschaltspiel taktisch aushebelte.

Mit Grössen wie den Young Boys, dem FC Basel, Meister FCZ und Cup-Spezialist Sion im Wettbewerb ist Lugano natürlich ein Überraschungssieger. Doch wer St. Gallen im Final als Favorit sah, der irrte sich, zumal Lugano ebenfalls einen nicht unerheblichen Zuspruch aus den Rängen erfuhr.

Seit die Tessiner 2015 in die Super League zurückkehrten und im ersten Jahr unter Zdenek Zeman den Ligaerhalt schafften, scheint es fast, als würden sie chronisch unterschätzt. Nur einmal waren sie in der Liga schlechter als Fünfte (2017/18 als Achte), zweimal schlossen sie die Saison im dritten Rang ab, zweimal im vierten.

Ist dieser erste Titel seit 29 Jahren nun der Beginn einer fussballerischen Blütezeit im Tessin? Es ist nicht ausgeschlossen, haben sich die Rahmenbedingungen doch zuletzt signifikant verbessert: Im letzten November wurde der Bau eines neuen Stadions als Teil eines grossen Sport- und Event-Zentrums beschlossen. Daraufhin stiegen die amerikanischen Investoren ein, die ihr seriöses Image (bislang) nicht widerlegt haben. Das heruntergekommene Cornaredo hat bald ausgedient.

"Das Ja zum neuen Stadion war unsere Initialzündung", sagt Trainer Mattia Croci-Torti. Dabei ist der 40-Jährige selber ebenfalls ein Erfolgsfaktor. Croci-Torti, der in der Not vom Assistenz- zum Interims- und schliesslich zum festen Cheftrainer befördert wurde, entpuppte sich bislang als Glücksgriff mit besonderen Motivationskünsten. Darauf deuten insbesondere die Parforce-Leistungen im Cup hin.

Handkehrum sprach Croci-Torti nach dem Cupsieg vom "Last Dance" einiger seiner Schützlinge. "Für prägende Spieler wie Numa Lavanchy, Sandi Lovric, Olivier Custodio und Mijat Maric war es vielleicht die letzte Gelegenheit, dem Klub etwas zu geben", so Croci-Torti.

Dass Lavanchy und Co. das Feld räumen, mag für den Trainer und die Fans bedauerlich sein. Es bietet dem Klub aber auch Spielraum, um das Fundament für den nächsten sportlichen Entwicklungsschritt zu legen. Dass mit dem Basler Georg Heitz ein absoluter Fachmann mit ruhmreicher FCB-Vergangenheit mitwirkt, ist sicher kein Nachteil. Was indes noch aussteht, ist der Beweis, dass auch das Tessiner Publikum Ausdauer hat und auch im neuen Stadion in so breiter Schar aufmarschieren wird wie im Cupfinal.

Wieder eine Enttäuschung im falschen Moment: St. Gallens Trainer Peter Zeidler Bild: KEYSTONE/ALESSANDRO DELLA VALLE
Keystone-SDA