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Kanton
06.04.2022

Was, wenn eine radioaktive Wolke über den Kanton Schwyz zieht?

Die Wolkenphase (Phase 2) ist die Zeit zwischen einem Austritt von radioaktiven Stoffen und dem Ende ihres Durchzugs an einem bestimmten geographischen Ort.
Die Wolkenphase (Phase 2) ist die Zeit zwischen einem Austritt von radioaktiven Stoffen und dem Ende ihres Durchzugs an einem bestimmten geographischen Ort. Bild: Sicherheitsdepartement SZ
Der Kantonsrat Bruno Beeler wollte Anfang März in einer Kleinen Anfrage von der Schwyzer Regierung wissen, wie sich die Bevölkerung vor einer radioaktiven Wolke schützen kann. Das Sicherheitsdepartement nimmt nun Stellung.

Seit dem 24. Februar herrscht Krieg in der Ukraine. Gleich zu Beginn ihres Einmarsches griff die russische Armee den 1986 havarierten Reaktor des stillgelegten Unglückskernkraftwerks Tschernobyl  an. Weitere vier Atomkraftwerke sind in der Ukraine in Betrieb. Beim russischen Angriff kommt es immer wieder zu heftigen Explosionen, auch in der Nähe von Atomkraftwerken. Es stellt sich die Frage, ob es wieder zu einem atomaren Ereignis kommen könnte, wie 1986 in Tschernobyl. Damals zog die radioaktive Wolke auch über die Schweiz. Wie kann die Schwyzer Bevölkerung vor einer radioaktiven Wolke geschützt werden? Gibt es dazu ein Schutzkonzept? Wäre das Aufsuchen der Schutzräume im Rahmen der derzeitigen Schutzraumorganisation eine taugliche Schutzmassnahme? Diese Fragen stellt Kantonsrat Bruno Beeler Anfang März der Schwyzer Regierung in einer Kleinen Anfrage.

Nationale Alarmzentrale übernimmt Führung

Der Kanton Schwyz könne seine Bevölkerung schützen, indem er die Massnahmen und Weisungen der Nationalen Alarmzentrale (NAZ) umsetzt – so die Antwort des Sicherheitsdepartements. Diese übernehme bei radiologischen Ereignissen die Führung und sei die zentrale Ansprechstelle für die Kantone in Bezug auf den Bevölkerungsschutz. Ein kantonales Schutzkonzept erübrigt sich deshalb. In ihrem Schutzkonzept definiert das NAZ vier Phasen. Für die Frage relevant sind primär drei Phasen, startend mit der Wolkenphase, gefolgt von zwei Bodenphasen (siehe Abbildung).

Wolkenphase

Die Wolkenphase kann Stunden bis Tage dauern. Tritt bei einem Ereignisfall dauernd Radioaktivität aus, kann es sogar zu mehreren Wolkenphasen kommen. Dabei besteht für ungeschützte Personen und Tiere Gefahr – abhängig von der Menge der freigesetzten radioaktiven Stoffe, der Entfernung vom radioaktiven Austritt und der Wetterlage – zum Beispiel Wind.

Gefährdung der Bevölkerung durch radioaktive Wolke

 

  • Externe Bestrahlung aus der radioaktiven Wolke durch Hautkontamination
  • Interne Bestrahlung durch Einatmen der radioaktiven Stoffe (zum Beispiel radioaktives Jod)
  • Ablagerung radioaktiver Stoffe (Beispielsweise Jod oder Cäsium) an der Erdoberfläche während des Wolkendurchzugs. 

Bodenphase

Die Bodenphasen können mehrere Jahre dauern und werden in eine frühe und eine späte Bodenphase unterteilt. Sie folgen auf die Wolkenphase. Dabei ist die Ablagerung radioaktiver Stoffe auf der Erdoberfläche bereits abgeschlossen.

Gefährdung der Bevölkerung während Bodenphase

  • Externe Bestrahlung vom Boden
  • Interne Bestrahlung durch Einnahme von radioaktiv verseuchten Nahrungsmitteln

Im Ereignisfall soll das gesundheitliche Risiko der Bevölkerung möglichst klein gehalten werden. Die Umsetzung der angeordneten Schutzmassnahmen liegt in der Verantwortung der Gemeinden. In der Schweiz sind die meisten Häuser massiv gebaut und verfügen über einen Keller. Zudem gibt es in allen Gemeinden private und öffentliche Schutzräume.

Im Hausinnern reduziert sich die zu erwartende Strahlendosis um den Faktor zehn, im Keller oder Schutzraum um den Faktor 50. Bild: Sicherheitsdepartement SZ

Schutzmassnahmen gegen externe wie interne Bestrahlung in der Wolkenphase
 

  • Aufenthalt im Haus Aufsuchen von Keller oder Schutzraum Fenster und Aussentüren geschlossen halten (Dadurch verringert sich das Eindringen von Radioaktivität in Häuser, Keller oder Schutzräume) 
  • Auf künstliche Raumbelüftung verzichten (So wird keine Aussenluft ins Hausinnere gesaugt und das Einatmen von radioaktiven Partikeln vermindert) 
  • Einnahme von Jodtabletten, immer in Kombination mit den oben genannten Massnahmen (Die hohe Joddosis verhindert, dass sich radioaktives Jod in der Schilddrüse einlagert, was aber nur vor interner Strahlung schützt)

Die zu erwartende Strahlendosis kann im Hausinnern um das 10-fache, im Keller oder Schutzraum um das 50-Fache reduziert werden. Für die Verteilung von Jodtabletten an die Bevölkerung sind die Gemeinden zuständig. Der Zeitpunkt der Verteilung wird vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) angeordnet. Innerhalb von zwölf Stunden sollten alle Einwohnerinnen und Einwohner über Jodtabletten verfügen können.

Auch für den Bereich Landwirtschaft gibt es Schutzmassnahmen für den Ereignisfall. Dabei soll gemäss Sicherheitsdepartement primär verhindert werden, dass radioaktiv verseuchte landwirtschaftliche Produkte verarbeitet, verkauft und gegessen werden.

Sofort-Massnahmen für die Landwirtschaft

 

  • Ernteverbot
  • Weideverbot
  • Verbot, landwirtschaftliche Erzeugnisse in Verkehr zu bringen
  • Einstallen von Nutztieren zu deren Schutz
  • Bereitstellen von ausreichend Futtervorräten im Innern
  • Stallbelüftung ausschalten oder auf ein Minimum reduzieren, um das Eindringen von Radioaktiven Stoffen zu vermindern
  • Einstellung der Fischerei
Franziska Kohler, Redaktion March 24 und Höfe 24