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Freizeit
10.04.2022
06.05.2022 15:13 Uhr

«Wann bin ich schön, reich und glücklich genug?»

Bild: pinterest/künstlerin unbekannt
Während ältere Generationen nach Sicherheit strebten, dreht sich bei Millennials und Co. alles um Selbstverwirklichung. Im zweiten Teil der Kolumne «Gedanken einer Generation» geht es um die Frage, was Leistungsdruck mit uns anstellen kann.
  • von Miryam Koc

Der Wecker klingelt um sechs Uhr früh, die Siebträgermaschine zischt, das Tagebuch wird gezückt, eine junge Frau in Yogapants notiert ihre Ziele für den Tag. Es folgt eine Szene im Gym, dann von der Zubereitung eines grünen Smoothies und erneut irgendwelches Gekritzel ins Notizbuch. Untermalt wird das 15-sekündige Instagram-Reel von einer Stimme, die «talking to the moooooooon» singt.

Das Video wird mir auf meiner Instagram-Explore-Seite angezeigt, ich lasse es laufen und es folgen ähnliche Clips von ähnlichen Frauen in ähnlichen Wohnungen mit ähnlichen Kaffeetassen.

Ich drücke die Instagram-App weg und beschliesse, mich in die reale Welt zu begeben und schlendere durch die Stadt und bleibe vor einem Buchladen stehen.

Der Bestseller im Schaufenster trägt den Titel «The Big Five for Life» – ich habe das Buch nicht gelesen, kann mir aber vorstellen, dass es darum geht, wie man seine Lebensziele erreicht, sich selbst pusht und am Schluss ganz sicher mega erfüllt sein wird.


Ich laufe weiter und stell mir dabei Fragen über mein eigenes Leben. Bin ich denn zufrieden? Habe ich den richtigen Job? Sollte ich nochmals Studieren? Könnte ich mich noch gesünder ernähren? Tu ich genug fürs Klima? Wie sieht es mit meiner Work-Life-Balance aus? Drücke ich mich gendergerecht aus? Soll ich in NFTs investieren?

Mein Kopf brummt, ein leichtes Herzflattern macht sich in meiner Brust breit. Ich muss ein paar Mal tief ein- und ausatmen. Dann stelle ich mir eine weitere Frage: Sind das Gefühle, die aus meinem tiefsten Inneren kommen oder sind es Gedanken, die mir durch die Aussenwelt suggeriert werden? Es muss Zweiteres sein, denn ich interessiere mich einen Scheiss für Kryptowährung – und trotzdem liegt ein 40 Stutz Buch namens «Make Your Money Work For You» auf meinem Nachttisch.

Wenn ich durch mein Social-Media-Feed scrolle, dann stelle ich fest, dass viele meiner Generation so bemüht sind, sich selbst zu optimieren, dass sie sich in Sprache, Auftritt und Look so ähnlich sind, dass man meinen könnte, es gäbe irgendwo eine Mustervorlage fürs Linkedin-Profil. Es ist ja schön, dass wir keine Existenzängste haben und uns deshalb vollkommen unseren egoistischen Zielen hingeben können, trotzdem scheint es so, als herrsche ein extremer Druck, die beste Version seiner selbst zu werden.

Wird man aber jemals an den Punkt kommen, wo man sagt: Jetzt bin erfolgreich, schön, reich und glücklich genug?


Ich glaube nicht. Wir setzen uns freiwillig dem Leistungs- und Konkurrenzgedanken einer Gesellschaft aus, die uns nie in Ruhe lassen wird und vergessen dabei unser wahres Wesen. Man darf auch mit sich im Reinen sein, wenn man nicht in allen Lebensbereichen die Maxime erreicht. Freiheit bedeutet frei von Vorstellungen und Erwartungen anderer zu sein.

Über mich
Ich bin Miryam, meine Freunde nennen mich mal Mimi, mal Miri. Seit ich 17 bin, schreibe ich für verschiedene Zeitungen und Portale. Meine Zwanziger hätte ich mir eher so als «Roaring Twenties» statt Apokalypsenstimmung gewünscht. Schreiben ist mein Ventil und hilft mir dabei, Dinge einzuordnen und zu verarbeiten. Weil ich weiss, dass man weniger Herzschmerz hat, wenn die beste Freundin ebenfalls eine Trennung durchmacht, teile ich hier Gedanken unserer Generation. So können wir zusammen Vanilleglace löffeln, bisschen weinen, aufregen und lachen.

Hast du Fragen, Kritik und Anregungen? Dann schreib mir an miryam.koc@stgallen24.ch oder auf Instagram.

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